19. September 2023 9-10:30 Uhr Online

#VMW-Frühstück: Powersharing

#VertrauenMachtWirkung-Frühstück zu #3 Partizipation mit Coach e.V. und der Robert Bosch Stiftung

Powersharing bedeutet nicht nur die Umverteilung von Ressourcen wie Möglichkeiten und Positionen durch Teilen, Abgeben oder Verzichten. Sondern auch, dass Stiftungen und ihre Mitarbeitenden einen Schritt zurücktreten und über ihre eigenen Ressourcen und Privilegien nachdenken. In These 3 von #VertrauenMachtWirkung steht: “Stiftungen der Zukunft teilen ihre Macht”.

Doch wie genau können Stiftungen durch Powersharing-orientierte Förderung zivilgesellschaftliche Organisationen nachhaltig unterstützen? Diese Frage stand im Zentrum des #VMW-Frühstücks mit Ahmet Sinoplu, Geschäftsführer von Coach e.V., einer Kölner Initiative für Bildungs- und Chancengerechtigkeit, und Dr. Ferdinand Mirbach, Senior Expert bei der Robert Bosch Stiftung. Die beiden haben mit den Teilnehmenden in der Diskussion und mit einem Input ihre Erfahrungen bei der gemeinsamen Arbeit zu Empowerment, Resilienz und Powersharing geteilt:  

Zusammenarbeit von Coach e.V. und der Robert Bosch Stiftung 

Ursprung der Zusammenarbeit war die Suche des Themenbereich Einwanderungsgesellschaft der Robert Bosch Stiftung nach Partner*innen, um ein vertieftes Wissen zu den Themen Empowerment, Resilienz und Powersharing zu erarbeiten. Für das Stiftungsteam stellte sich schon im Ausschreibungsverfahren die Frage nach dem Teilen von Macht: Mit wem zusammenarbeiten? Bewusst entschied sich die Stiftung gegen ein renommiertes Institut oder Universität und für Coach e.V., um Stimmen aus marginalisierten Räumen zu hören und zu stärken, mit dem Wissen, das nicht alles Gesagte angenehm zu hören sein würde. Sich den unangenehmen Realitäten zu stellen ist der erste Schritt zum Powersharing, denn nur so kann wirkliche Veränderung erzielt werden. 

Die erste theoretische Erarbeitung der Themen Empowerment, Resilienz und Powersharing fand im Rahmen einer Studie statt, die Coach e.V. mit der TH Köln erstellt hat. Explorativ wurde untersucht, welchen Beitrag Empowerment, Resilienz und Powersharing als politische Strategien in einer (Post-) Migrationsgesellschaft zur Demokratisierung der Verhältnisse leisten können. Dabei hat sich gezeigt, dass mittlerweile genügend Wissen und Erkenntnis zu Empowerment, Resilienz und Powersharing mit und in der Einwanderungsgesellschaft existieren. Die viel größeren Bedarfe jedoch liegen in der Umsetzung. Daraufhin begann ein Co-Creation-Prozess zwischen Coach e.V. und der Robert Bosch Stiftung, um die Ergebnisse zu bearbeiten und den nächsten Schritt anzugehen. Der war nicht immer einfach, auch zwischen Coach e.V. und der Robert Bosch Stiftung gab es unterschiedliche Vorstellungen, die immer wieder ausgehandelt werden mussten. Sehr wichtig dabei war eine gute Kommunikation, die zu mehr gegenseitigem Vertrauen und besserer Zusammenarbeit führte, erzählte Dr. Ferdinand Mirbach. 

Ergebnis des Co-Creation-Prozesses ist das Labor für Empowerment, Resilienz & Solidarisches Handeln, in dem es um die praktische Umsetzung der Erkenntnisse aus der Studie sowie die Darstellung von Bedarfen und möglichen Lösungsstrategien geht. Mit Konferenzen, Werkstattgesprächen, Power Spaces und einem Advisory Board werden partizipative, interaktive sowie sektoren- und communityübergreifende Vernetzungsformate und Veranstaltungen umgesetzt. 

Von Powersharing zu solidarischem Handeln und wieder zurück 

Dass Powersharing in der Zusammenarbeit als Prozess verstanden werden muss, zeigt sich für die beiden Partner auch auf semantischer Ebene: Wurde zu Beginn der Arbeit mit Coach e.V. Powersharing noch mit solidarischem Handeln gleichgesetzt, hat sich die Robert Bosch Stiftung in der Reflexion des eigenen Handelns in der Zusammenarbeit eingestanden, dass die Stiftung ihre Macht noch nicht wirklich abgibt und teilt. Deswegen entschied sich das Team, in einem ersten Schritt vom Begriff Powersharing zurückzutreten. Solidarisches Handeln schien zu diesem Zeitpunkt passender. Im Laufe der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Lernens kann das Robert Bosch Team mittlerweile wieder hinter Powersharing stehen. Eigene Fehler einzusehen und auch mal einen Schritt zurückzugehen, wenn die Bedingungen noch nicht passen, sind Teil einer ehrlichen Zusammenarbeit und tragen erheblich zum Vertrauen bei.  

Powersharing in der Robert Bosch Stiftung 

Innerhalb der Robert Bosch Stiftung gibt es zwei Bereiche, in denen Powersharing ein Thema ist. In der stiftungsinternen Organisation und ihren Prozessen und im Arbeitsbereich Einwanderungsgesellschaft. 

Die vom Arbeitsbereich Einwanderungsgesellschaft in Auftrag gegebene Studie zu Empowerment, Resilienz und Powersharing ist ein Baustein einer umfassenderen Entwicklung innerhalb der Robert Bosch Stiftung, die von der Geschäftsführung unterstützt wird und in einer Strategie mündet, die von allen getragen wird. Verschiedene Themengruppen innerhalb der Stiftung arbeiten an den im Rahmen der Studie identifizierten Themen. Zusätzlich wurde eine interne Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich mit dekolonialen Perspektiven und Powersharing befasst. Dr. Ferdinand Mirbach betonte, dass die Organisation noch am Anfang steht, aber auf dem richtigen Weg ist, um die Erkenntnisse und Empfehlungen aus der Studie in die Praxis umzusetzen. 

Intern geht es insbesondere um die Förderstrukturen in der Stiftung. Im Kontext des Prozesses zu mehr Powersharing wurde bisher der Antragsprozess vereinfacht, um das Bewerben auf Mittel zu erleichtern. Ideen-Förderung wurde implementiert, um nicht nur Projekte zu fördern, sondern auch die Ausarbeitung von Ideen oder auch Akteur*innen selbst. Den Geförderten wird aktiv zugehört und ihre Bedarfe stehen im Vordergrund. Außerdem bemüht sich die Stiftung, partizipativ zu fördern. Das bedeutet mehr Co-Creation-Prozesse und Entscheidungen an betroffene und geförderte Personen abzugeben. 

Studie und Laboratorium: Empowerment, Resilienz und Powersharing 

Die Studie bildet die Grundlage für die Arbeit des Laboratoriums, bei dem es um die Förderung und Sichtbarmachung von Empowerment, Resilienz und solidarisches Handeln in der Praxis sowie um die Darstellung von Bedarfen und möglicher Lösungsstrategien geht. Dafür werden partizipative, interaktive sowie sektoren- und communityübergreifende Vernetzungsformate und Veranstaltungen umgesetzt, die sich an migrantisch und nicht-migrantisch geprägte zivilgesellschaftliche Organisationen wenden. Werkstattgespräche, um zivilgesellschaftliche Organisationen ins Handeln zu bringen, genauso wie Kooperationen mit Hochschulen, um die Ergebnisse zu teilen gehören dazu: „Es besteht ein großer Bedarf an Safe Spaces für Menschen mit Migrationsgeschichte“, erzählt Ahmet Sinoplu. Deswegen organisiert er im Rahmen des Laboratoriums auch Powerspaces: Empowerment-Retreat Camps, in denen sich diskriminierte, marginalisierte Menschen, die sich zivilgesellschaftlichen engagieren oder sich täglich mit diesen Themen auseinandersetzen, stärken, vernetzen und erholen können.  

Insbesondere Stiftungen haben viel Wirkungsmacht, die sie nutzen müssen. Sie haben die Möglichkeit, die richtigen Rahmenbedingungen für Empowerment zu schaffen, können die Resilienz von Organisationen und Strukturen stärken und daran arbeiten, ihre Macht und Privilegien zu teilen. Der Prozess des Macht-Abgebens kann schmerzhaft sein, er beinhaltet nicht nur das Hinterfragen der eigenen Privilegien, sondern auch aktives Handeln, eingreifen und Konfliktbearbeitung. Das Ziel des Prozesses ist nicht Gleichheit, sondern Gleichberechtigung. 

Ein erster praktischer Ansatz des Powersharings bei der Robert Bosch Stiftung war es, bei Förderanfragen nicht nur eine freundliche Absage zu schicken, sondern Unterstützung anzubieten, sei es durch Vernetzung, Feedback oder einfach Hilfestellung bei Fragen. Außerdem stellt die Stiftung ihre Räumlichkeiten zur Verfügung, teilt ihre Netzwerke und nimmt sich auf Veranstaltungen zurück, um marginalisierten Stimmen mehr Raum zu geben. Sie hat ihre eigenen Strukturen umgebaut und sich sensibilisiert, wenn es um die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen geht, mittlerweile geht die Stiftung Kooperationen auf Augenhöhe ein und teilt ihr Wissen frei. Informationen und Strukturen hinter verschlossener Tür zu halten, stratifizieren Machtstrukturen nur weiter. 

Weiterführende Informationen: 

Studie: Empowerment, Resilienz und Powersharing in der Migrationsgesellschaft 

Labor für Empowerment, Resilienz und Solidarisches Handeln