Das #VMW-Frühstück beleuchtete das Thema „Open Calls & Ausschreibungen“ aus drei Perspektiven. Mamad Mohamad und Kjersti Nichols von LAMSA e.V. gaben einen detaillierten Einblick in die Herausforderungen kleiner und migrantischer Organisationen. Diese kämpfen mit massivem Zeitdruck, knappen Ressourcen und politischem Gegenwind. Ausschreibungen stellen für sie oft eine hohe Hürde dar. Jonas Ermes von in safe hands e.V. sprach aus der Sicht einer Organisation, die durch Ausschreibungen und Förderpartnerschaften gewachsen ist. Dabei betonte er die Bedeutung von direkten, unkomplizierten Kontakten auf Augenhöhe. Ben Spöler von der Auridis Stiftung ergänzte die Perspektive einer fördernden Institution und erklärte, worauf es bei Ausschreibungen ankommt, was gut funktioniert und wie Stiftungen Zugänge verbessern können, ohne ihre eigenen Abläufe zu vernachlässigen.
Ausschreibungen entscheiden über Zugang
Für viele Organisationen stellen Ausschreibungen den wichtigsten Zugang zu Fördermitteln dar. Gleichzeitig sind sie oft eine große Hürde. Es fehlen Netzwerke, das Wissen über die Funktionsweise von Stiftungen, Mittel für Eigenanteile und Zeit für aufwendige Bewerbungen. Bereits in der Diskussion wurde deutlich, wie viel Ausschreibungen ermöglichen können, aber auch, wie viel sie verhindern.
Mamad schilderte eindrücklich die Situation von LAMSA e.V., dem Dachverband migrantischer Organisationen in Sachsen-Anhalt. Die Organisation baut landesweit Beratungs-, Bildungs- und Empowermentstrukturen für migrantische Communities auf, in einem Bundesland mit wenig Zuwanderung und einer jungen, kleinen Migrationsgesellschaft. Die Realität ist von starkem politischem und strukturellem Druck geprägt. Menschen, die vor, während oder nach der Wende nach Deutschland gekommen sind, leben in unterschiedlichen sozialen Realitäten und LAMSA versucht, Brücken zwischen diesen Lebenswelten zu bauen.
LAMSA e.V. ist im Umgang mit staatlicher Förderung erfahren. Programme gestalten, Anträge schreiben und Verwaltungsprozesse einhalten gehören zum Alltag der Organisation. Im Stiftungssektor sieht es anders aus. Hier fehlen vertraute Abläufe, die Sprache ist ungewohnt und die Strukturen nehmen sie als teilweise intransparent wahr. Mamad nannte vier zentrale Hürden:
Die Zusammenarbeit mit der Auridis Stiftung stellte für LAMSA e.V. einen Wendepunkt dar. Nach einer erstmaligen Absage entstand eine enge Begleitung und durch gemeinsame Reflexion konnte erstmals eine gemeinsame Sprache gefunden werden. Auch Kjersti berichtete, dass sie von der menschlich geprägten Arbeitsweise überrascht war. Statt Kontrolle und Prüfung, wie sie es von Ministerien kennt, erlebte sie Unterstützung, Offenheit und konstruktives Feedback.
Ob LAMSA sich auf eine Ausschreibung bewirbt, hängt von vielen Faktoren ab. Ist der Aufwand realistisch? Sind die Anforderungen machbar? Passt das Thema? Sind die Eigenanteile tragbar? Eine Absage, wie im Fall Auridis, wurde nicht als Misserfolg gewertet. Sie war der Beginn einer Kooperation. Doch der Weg dorthin ist lang und für manche Organisationen steiler als für andere.
Was Ausschreibungen leisten können
Jonas von In safe hands e.V. berichtete über die Arbeit seiner Organisation, die sich seit rund zehn Jahren für Chancengerechtigkeit und Bildung einsetzt. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass im deutschen Bildungssystem Kinder mit sehr unterschiedlichen Startbedingungen allein gelassen werden. Es fehlen Strukturen, die ihnen helfen, Resilienz und soziale Kompetenzen aufzubauen. Diese sind Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen.
In safe hands e.V. kombiniert sportpädagogische Ansätze mit emotional-sozialer Förderung. Das Programm „Bunter Ball“ wird aktuell von der Auridis Stiftung bei der Skalierung unterstützt. Da Schulen die Angebote meist nicht finanzieren können, kommt ein Großteil der Mittel, rund 90 Prozent, aus dem Fundraising, insbesondere durch Stiftungen.
Ausschreibungen sind mehr als formale Bewerbungen um finanzielle Mittel. Sie sind Gelegenheiten zum Kennenlernen. In safe hands hat über Ausschreibungen Netzwerke aufgebaut und neue Partner gefunden. So entstand auch die Verbindung zu Auridis. Zwei Jahre später entwickelte sich daraus eine dreijährige Förderpartnerschaft. Dieses direkte Kennenlernen ist entscheidend. Niedrigschwellig einsteigen, Vertrauen aufbauen und gemeinsam wachsen. Gute Ausschreibungen ermöglichen genau das. Sie helfen Organisationen, sichtbar zu werden, Neues zu testen und passende Partner zu finden.
Für Jonas sind Ausschreibungen vergleichbar mit Stellenausschreibungen. Man möchte wissen, wer gesucht wird, welche Erwartungen bestehen, wie Zusammenarbeit gedacht ist, ob der Fokus auf quantitativer oder qualitativer Wirkung liegt und wie die Stiftung sich als Partner versteht. Unklare oder unvollständige Ausschreibungen, etwa ohne Budgetrahmen, führen zu Unsicherheit und unnötigem Aufwand. Bewerbungsprozesse müssen im Verhältnis zum möglichen Nutzen stehen.
Barrieren ernst nehmen und gezielt abbauen
Ben von der Auridis Stiftung zeigte, wie Stiftungen ihre Prozesse so gestalten können, dass neue Partnerschaften entstehen. Besonders mit Organisationen, die bisher wenig Zugang zu Stiftungen hatten. Auridis arbeitet in der Regel ohne offenes Antragswesen. Stattdessen spricht das Team Organisationen direkt an. Um neue Partner*innen zu erreichen, veröffentlicht die Stiftung jedoch gezielt Ausschreibungen. Diese sind als strategische Einladung gedacht und nicht als Routineinstrument. Zentral ist dabei eine vorgeschaltete Konzeptionsphase, die einen Austausch ermöglicht. Wenn eine Organisation grundsätzlich passt, wird sie früh in einen gemeinsamen Denkprozess eingebunden. So konnten auch Organisationen erreicht werden, die zuvor keine Förderung erhalten hatten.
Ben betonte auch, dass eine Absage kein Abbruch der Beziehung sein muss. Sie kann Ausgangspunkt für zukünftige Zusammenarbeit sein. Dabei ist eine transparente Kommunikation zu den eigenen Grenzen wichtig. Auridis fördert zum Beispiel keine operativen Umsetzungskosten und bevorzugt erprobte Konzepte. Das schließt manche Organisationen aus.
Eine gute Ausschreibung, so Ben, ist klar formuliert, realistisch und nachvollziehbar. Sie nennt Ziele, Anforderungen und Grenzen. Sie kommuniziert deutlich, wer passt und wer nicht. Klare Sprache, reduzierte Anforderungen und verständliche Strukturen helfen Organisationen, fundierte Entscheidungen zu treffen. Trotz begrenzter Kapazitäten will Auridis Transparenz schaffen, um unnötigen Aufwand zu vermeiden.
Das Spannungsfeld zwischen klaren Kriterien und Offenheit für Unbekanntes
In der Diskussion wurde deutlich, dass erfolgreiche Förderung aus drei Phasen besteht. Jede bringt eigene Herausforderungen mit sich.
Phase 1. Erstkontakt: Orientierung geben und Vertrauen ermöglichen
Organisationen stehen häufig unter hohem Druck und benötigen beim Erstkontakt nicht nur formale Kriterien, sondern einen echten Vertrauensvorschuss. Transparenz wird hier zum wichtigsten Instrument: Stiftungen sollten offenlegen, wie ihre Budgetprozesse funktionieren, worauf sie bei Entscheidungen achten und welche Erwartungen sie an potenzielle Partner haben. Da viele Organisationen nicht mit der Entscheidungsebene sprechen, sondern mit vermittelnden Personen, braucht es interne Routinen, die Zeit für Austausch ermöglichen.
Auch für Stiftungen selbst bedeutet dieser Erstkontakt einen Lernprozess: Kriterien müssen klar genug sein, um Orientierung zu bieten, ohne falsche Erwartungen zu erzeugen. Positive Kriterien bergen das Risiko, suggerieren zu können, dass eine Erfüllung automatisch zu einer Förderung führt – in der Realität gibt es meist mehrere passende Bewerbungen, von denen nur wenige ausgewählt werden können. Daher braucht der Erstkontakt Ehrlichkeit über Chancen, Grenzen und darüber, wann eine Bewerbung sinnvoll ist. Ein klarer, transparenter Rahmen erleichtert beiden Seiten die Entscheidung, ob sie sich auf einen Prozess einlassen.
Phase 2. Während der Förderung: Orientierung halten und Beziehung gestalten
Sobald eine Förderung beginnt, verlagert sich das Spannungsfeld: Stiftungen müssen einerseits berechenbar agieren, andererseits offen für Unerwartetes bleiben. Organisationen wünschen sich in dieser Phase klare Kriterien – nicht als starre Vorgaben, sondern als Orientierung, die Sicherheit gibt. Langfristige Förderung bedeutet auch langfristige Lernprozesse: Fragen nach Wirkung, Entwicklung in den nächsten Jahren oder Veränderungen im Umfeld lassen sich selten eindeutig beantworten und verlangen von beiden Seiten Mut und Offenheit.
Damit diese Phase gelingt, ist Transparenz erneut entscheidend. Stiftungen können durch klar kommunizierte Entscheidungskriterien, verständliche Prozesse und strukturierten Austausch dafür sorgen, dass Förderbeziehungen nicht nur kontrolliert, sondern begleitet werden. Ein unterstützendes Selbstverständnis der Stiftung – nicht im Sinne von Prüfung, sondern als partnerschaftliche Zusammenarbeit – schafft Raum für Vertrauen, Anpassung und gemeinsame Weiterentwicklung.
Phase 3. Nach der Entscheidung: Transparenz herstellen und Verstetigung ermöglichen
Nach einer Entscheidung – sei es Absage, Auslaufen oder Verstetigung einer Förderung – entscheidet sich, ob der Kontakt abbricht oder ob er Grundlage für zukünftige Kooperationen bleibt. Transparenz bleibt auch hier der Schlüssel. Eine offene Kommunikation darüber, wie viele Bewerbungen eingegangen sind, welche Kriterien angewendet wurden und warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden, macht Absagen nachvollziehbar und fairer. Eine Absage muss kein Bruch sein, sondern kann ein Einstieg in einen Dialog sein, der Perspektiven eröffnet.
Gleichzeitig stehen Stiftungen vor Grenzen: Individuelles Feedback ist bei einer großen Anzahl an Bewerbungen nicht immer leistbar. Dennoch gibt es Wege, Orientierung zu geben – etwa durch das Teilen von Alternativen oder Ressourcen, wie Datenbanken zu anderen Fördermöglichkeiten. Organisationen äußerten, dass es in staatlichen Systemen formalisierte Informationsstrukturen gibt, die im Stiftungssektor fehlen. Ohne solche Strukturen bleibt der Zugang zu Netzwerken entscheidend, was für viele eine hohe Hürde darstellt. Einige internationale Beispiele, wie die Foundation Directory in den USA zeigen, dass gemeinsame Datenbanken Orientierung erleichtern könnten.
In dieser Phase wird auch die Frage relevant, wie Verstetigung der Förderung gelingen kann. Viele Organisationen erleben, dass Projektlogiken dominieren und langfristige institutionelle Förderung selten ist. Doch nachhaltige Wirkung entsteht meist dort, wo eine Programmförderung in eine institutionelle Förderung übergeht. Stiftungen können diese Brücken bewusst gestalten – durch klare Kommunikation über Perspektiven, durch Kapazitätsförderung oder durch Kooperationen mit weiteren Förderern, insbesondere wenn Umsetzungskosten nicht gedeckt werden können.
[1] Burkhardt, Luise; Müller, Dr. Kai-Uwe (2023): Stadt, Land, stiftungsarm. Stiftungswelt. Abgerufen am 80.12.2025. https://www.stiftungswelt.de/dossier/stadt-land-stiftungsarm.html